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Italien - Der Start

Am 3. August 2002 bin ich mit meinem Freund Alex zu einer 6-wöchigen Radreise Richtung Italien aufgebrochen. Seit etwa 2 Jahren haben wir von einer gemeinsamen Tour geredet, und etwa ein Jahr lang bereiteten wir uns, von Italiens Sonne träumend und Ausrüstung kaufend, auf dieses kleine Abenteuer vor. Keiner von uns hatte zuvor eine Radreise im Ausland, geschweige denn länger als ein paar Tage, gemacht. Ich war bis zu dem Zeitpunkt noch nie mehr als zwei Tage am Stück Fahrrad gefahren.

Früh morgens bestiegen wir die Regionalbahn nach Uelzen. Von meiner Mutter mit einem riesigen Beutel geschmierter Brötchen versorgt, machten wir uns auf die Zugreise nach Teningen im Breisgau, unserem Ausgangspunkt für die Reise. 14 ½ Stunden Fahrt sowie 8x Umsteigen sprechen wohl für sich.

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Rimini - Rom

Rimini – 66km – Carpegna – 127km – Ponte Felcino – 52km – Ponte Felcino – 105km – Terni – 123km – Roma

Jetzt ging es also alleine weiter. Mit Blick nach Rom waren nun die nächsten Ziele San Marino und das Tibertal. Kurz hinter Rimini entdeckte ich meine zweite und letzte Panne der Tour. Eine gebrochene Speiche hatte ich noch morgens für viel zu teures Geld in Rimini ersetzen lassen. Den jetzt akuten Platten konnte ich aber ohne Schwierigkeiten eingenhändig flicken. San Marino selbst liegt mitten oben auf einem über 500m hohen Hügel. Rimini liegt bekanntermaßen auf Meeresniveau. Es lohnt sich trotzdem. Obwohl das Dorf von Touristen überquellt. Auch wurde ich oft ziemlich komisch angeguckt, als ich so mein schweres Rad die letzten Meter den Berg hinauf schob.

Nach dem verdienten Nachmittagsmahl ging es weiter nach Südwesten. Nach einer kurzen Abfahrt ging es ein Tal entlang wieder bergauf. Immer Richtung Passhöhe, welche ich allerdings erst am nächsten Tag erreichte. Auf der Suche nach einem Lagerplatz fand ich eine bizarre Felsformation etwas abgelegen der Straße, zu deren Fuß ich auf einem abgeernteten Feld lagerte. Als ich so gerade meine Plane ausgebreitet hatte (das Zelt, immerhin 6kg, hatte Alex wieder mitgenommen) und mein Lager bereitete, gab es plötzlich einen Tumult auf dem Schotterweg auf dem ich zu dem Lagerplatz gelangt war. Da mein Lager weitesgehend sichtgeschützt war, konnte ich nur hören was vor sich ging.

Ohne mir, bis heute, bekannten Grund rief auf einmal eine ältere Frau mehrmals, und sehr wehement, nach der Polizei. „La polizia, la polizia!” – das verstehe selbst ich, als philologisch eher Unbegabter. Kurz danach lief ein Mann den Weg lang zum nahen Dorf, worauf bald ein anderer Mann auf einem Pferd heran gallopiert kam. Ich dachte schon, die wollten mich vom Feld vertreiben. Aber nach einer etwa halbstündigen Diskussion, die ich in Fetzen mithören konnte, sind wohl alle ihrer Wege gegangen. So ganz wohl war mir nicht bei der Sache. Ich bin dem Ganzen am nächsten Morgen auch nicht weiter auf den Grund gegangen, sondern habe mich schleunigst auf meinen Weg Richtung Perugia gemacht.

Das eben angesprochene Nachtlager war übrigens eines der besten überhaupt gewesen. Von der Straße aus praktisch nicht zu sehen, konnte ich den sternenklaren Himmel über mir genießen. In der Ferne leuchteten die Lichter der nächsten Dörfer, und am Morgen weckte mich ein über das Feld gallopierendes Reh.

Der Weg nach Perugia wurde zur Königsetappe der bisherigen Reise. 2 1/2 Appennninenpässe musste ich überwinden bis ich ins Tibertal kam. Dort führten mich der leichte Rückenwind und teilweise der Windschatten von ein paar Rennradfahrern ziemlich schnell nach Ponte Felcino, das ich nach insgesamt 127km erreichte. Weil ich die gesamte Kochausrüstung aus Gewichtsgründen und Bequemlichkeit Alex mitgegeben hatte, verbrachte ich von nun an viel Zeit mit Pizza und Pastaessen. Die, meistens durch ihre Privattelefonate abgelenkte, Dame an der Rezeption der JH konnte mir daher auch ein ziemlich uriges, ich würde mal sagen italienisches Schnellrestaurant empfehlen.

Nach zwei geruhsamen Nächten und einem Tagesausflug durch Umbrien ins nahe und überaus sehenswerte Assisi setzte ich meinen Weg nach Rom fort. Zum ersten Mal während der Tour hatte ich ein Bett in einer Jugendherberge vorbestellt, was auch sogleich in die Hose ging. Ich vertrödelte meine Zeit bis halb vier Uhr nachmittags mit Zeitunglesen und Pause machen, und so kam ich erst gegen 20 Uhr in Terni an. Ziemlich entnervt von der Schnellstraße, die in die Stadt führte, bog ich einfach ab und verzog mich hinter ein paar Blumengeschäfte nahe eines Friedhofs. Leider war die Schnellstraße keine 20 Meter entfernt und erstens beleuchtet und zweitens die ganze Nacht hindurch befahren.

Lang dauerte die Nacht nicht. Dann fand ich aber den Weg in die Stadt und wieder hinaus. Ab Tarni folgte ich immer der SS 3, der „Via Fermiale,“ die direkt nach Rom führt. Eine interessante und für Radfahrer eher unangenehme Tatsache ist, dass die Italiener ihre meist hübschen Dörfer nie in den Flusstälern gebaut haben, sondern immer auf den Hügeln drauf. Das einzige was durch die Täler führt, sind die Autobahnen und Schnellzugstrecken. Dem einsamen Radler bleibt nichts als den langen Hügelketten parralel des Tibers zu folgen. Zunächst mehr auf als ab, später anders herum. Bis man in Rom ist.

Die Stadt im Blick und als einzige Möglichkeit hinein eine 4 bis 6-spurige Schnellstraße. Wirklich Spaß hat das nicht gemacht, und ich war heilfroh als ich endlich einen Touristeninformationsstand gefunden hatte. Dort bekam ich eine Karte, woraufhin ich keine Orientierungsprobleme mehr hatte. Für die nächsten Tage kam ich in einer, mit Sicherheit nicht wirklich legalen, Herberge unter. Zentral gelegen hatte ein Typ eine Wohnung voll mit Betten gestellt und vermietet diese nun.

Mein Ziel hatte ich erreicht. Nach zweieinhalb Wochen schon. Anfangs hatten wir vier eingeplant. Das Wissen um das erreichte bringt eine gewisse Befriedigung mit sich. Wie auch die zumeist ungläubigen Kommentare der anderen Herbergsgäste. Drei Tage Sightseeing in Rom reichten mir allerdings allemal. Ich bin kein Stadt-anguck-muss-alles-gesehen-haben-Mensch. Die Anzahl meiner Romfotos beläuft sich auf drei.

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Rom - Florenz - Toskana

Rom – 113km Zug & 46 km Rad – Pitigliano – 98km – Albina – 179km Zug & 28km Rad – Lucca – 95km – Florenz

Es soll ja Leute geben, die fliegen für eine Woche nach Rom, sind den ganzen Tag lang damit beschäftigt Museen und alte Gebäude anzugucken, und fliegen dann einfach wieder nach Hause. Ich für meinen Teil habe meine Tage in Rom zur Hälfte mit Zeitung lesen und zu einem weiteren Viertel mit Faulenzen verbracht. Rückblickend hätte ich mich wohl besser mental auf die nächsten Wochen vorbereiten sollen.

Um den großen Schnellstraßen auf dem Weg aus Rom heraus zu entgehen nahm ich erstmal den Zug zur Küste nach Montalto. Dank überzeugender Ich-Touri-Ich-nix-wissen-Gesten sparte ich die extra Fahrkarte fürs Fahrrad. Von Montalto sollte es nordwärts in die südliche Toskana gehen. Doch erstmal ging gar nichts. Kopf und Beine wollten einfach nicht vorwärts. Die drückende Hitze war nicht Schuld daran. Ich hatte einfach auf einmal null Motivation mehr. Langsam ging es weiter, gegen Abend auch wieder besser.

Nach einer Nacht in einem Weinberg ging es westwärts in Richtung Küste. Den Vormittag schlich ich wieder die Hügel hinauf, stieg alle paar Kilometer ab um zu rasten. Zwei Höhepunkte hatten diese zwei Tage allerdings. Das Bergdorf Pitigliano und die Thermalquellen von Santua, in denen ich baden konnte. Meine Strecke führte stellenweise über absolut ruhige Straßen, später auf einer größeren Hauptstraße. Die meiste Zeit ging es immer bergauf und -ab. Natürlich mehr Auf als Ab, ist ja logisch.

Irgendwann kam ich dann ans Meer. Ich saß da so im Sand, sah die Sonne untergehen, und war mir sehr lange nicht im Klaren darüber wie ich weiter machen sollte. Ich hatte keine Lust am nächsten Tag die Strecke nach Pisa zu starten, immerhin drei Tagesreisen. Die Landschaft hatte mir bisher überhaupt nicht gefallen. Es war auch die falsche Jahreszeit für die Toskana. Ein Nachtlager hatte ich auch noch nicht. Camping am Strand fiel als Möglichkeit flach, zu touristisch.

Letztendlich campierte ich auf einem nahen Campingplatz, ohne Zelt. Der kostete mich zwar die ungeheure Summe von ¥15,50, bot mir aber auch eine Pizzabäckerei und die Bekanntschaft mit zwei Erfurter Studenten, welche mein Verlangen nach Bier befriedigen konnten. Diese Nacht schlief ich wie ein Stein und war am nächsten Morgen wieder voll Tatendrang. Selbst die wirklich schlechte Zweimann-Band, die den Campingplatz in der Nacht mit ihrer Musik belästigten, hinderten mich nicht daran. Der Sänger- und Keyboardspieler klang, als hätte er vor einem halben Jahr erst das Klavierspielen begonnen und früher den Schulchor immer nur an den Konzertterminen verstärkt. So gesehen könnte ich vielleicht doch noch Profimusiker werden. Die italienischen Campinplätze sind so toll aber leider auch nicht. Also wohl eher nicht.

Ich fuhr also los, kaufte Obst und eine SZ, und wartete dann 3 Stunden auf den Zug, der mich direkt nach Pisa brachte. Dort zum Turm, Foto gemacht, und weiter. Die Sprintstrecke nach Lucca war auch gleich richtig schön, Lucca sowieso. Wer immer nach Pisa will, sollte sich in Lucca einquartieren und von dort einen Nachmittagsausflug nach Pisa machen.

Dann regnete es mal wieder. Gleichzeitig mit einem Belgier auf nem Motorroller fuhr ich trotzdem los. Und siehe da, eine halbe Stunde später war es trocken. Erst flach, später hügeliger, ging es über Vinci nach Florenz. Und wen treffe ich dort? Den Belgier. Er heißt Raul und wir verbrachten den darauffolgenden Tag gemeinsam in Florenz.

Auf dem Weg nach Florenz war ich immer noch nicht sicher, was ich mit der mir noch gebliebenen Zeit anfangen sollte. Eine Toskanarundtour, mit dem Fahrrad nach Norden Richtung Schweiz, mit dem Zug nach Hause um an meinem baldigen Geburtstag zu Hause zu sein? Auf der Suche nach der Jugendherberge sprach mich dann ein Italiener auf nem Fahrrad an, der gerade auf dem Nachhauseweg war und schwärmte von der Schönheit der Toskana. Er würde selbst an den Wochenenden immer mit dem Rennrad unterwegs sein und davon träumen auchmal so eine längere Radreise wie ich zu machen. Das wirkte.

Danach war die Entscheidung leicht. Es sollte wieder nach Süden gehen.

Florenz – 85km Siena – 70km – San Quirico – 111km – Civitella – 78km – Florenz

Durch die Hügel des Chianti führte mich die Strecke nach Siena. Die mit Sicherheit wunderschöne Landschaft konnte ich nur erahnen. Über allem hing, wie auch schon in den ganzen letzten Wochen, ein dichter grauer Dunstschleier. Ich habe extra Postkarten gekauft um zu sehen, was diese Ecke so berühmt und bekannt gemacht hat.

Abends in der Jugi traf ich neben Raul dem Belgier auch einen Australier wieder mit dem ich zwei Tage zuvor schon in Florenz geredet hatte. Gemeinsam gingen wir abends auf den Piazza del Campa, angeblich einer der schönsten Plätze der Welt, und erlebten ein gratis Gianna Nannini Konzert. Schätzungsweise 40.000 andere Leute taten dasselbe. Siena ist im übrigen sehr viel sehenswerter als Florenz.

Geplant hatte ich insgesamt 5 relativ kurze Etappen für die Toskanatour. Es wurden leider nur vier. Die Aufenthalte in Cortona und Arezzo fielen wegen Überbelegung der Jugendherbergen aus und bescherten mir eine ungeplante Nacht in einem Tal westlich von Arezzo. Zuvor war ich nach Süden durch die Crete gefahren, hatte die Abtei „Monte Oliveto Maggiore“ besucht, und war nach Montepulciano hinaufgefahren.

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Splügenpass - Adria

Andeer – 90km – Damaso – Boot & 50km – bei Pontiala – 10km Zug & 5km Rad – Bergamo – 123km – Alosa – 90km Rad & 30km Zug – Ferrara – Zug – Rimini

Zum ersten Mal in meinem Leben kam ich nun nach Italien. Und es sah genauso aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Postkarten und Fernsehbilder lügen in diesem Fall wohl mal nicht. Nach Ende der Abfahrt in Chiavenna herrschte wieder T-Shirt-Wetter. Wenigstens von den Temperaturen her. Die sommerliche italienische Schwüle war mehr als deutlich zu spüren. Leider war es auch immer noch bedeckt. Da wir Lust auf eine Jugendherberge hatten steuerten wir Damaso am Westufer des Comer Sees an. Die, nicht ganz offizielle, JH liegt direkt am See, welchen ich am Abend auch gleich testete. Urteil: nass und erfrischend. Abends gab es logischerweise Pizza.

Am nächsten Morgen regnete es wie aus Eimern. Dort bleiben wollten wir nicht, also nahmen wir um halb vier Uhr nachmittags die Fähre über den See nach Varenna um dort mit dem Zug weiter nach Bergamo zu fahren. Aber Pustekuchen. Die Zuglinie war wegen Bauarbeiten still gelegt. Obwohl es immer noch regnete setzten wir uns auf unsere Räder und fuhren los. Schnell war Lecco erreicht. McDonalds stärkte uns, eine JH suchten wir allerdings vergebens. Wir starteten die lange Suche nach einem Schlafplatz, indem wir Richtung Bergamo aufbrachen. Interessanterweise stellten wir erst jetzt fest wie viele Zäune die Italiener in jenen Breiten um ihre Häuser bauen. Der Zaun/Haus-Quotient liegt ungefähr bei 1! Gegen 22 Uhr fuhren wir gerade durch ein Wohngebiet abseits der viel befahrenen Hauptstraße, als die Suche ein Ende hatte. Es machte einen lauten Knall und Alex´ Hinterreifen verabschiedete sich. Da auch der Mantel beschädigt war, was wir aber erst später entdeckten, explodierte der Ersatzschlauch auch noch. Ohne Lust auf weitere Reparaturversuche verzogen wir uns hinter ein Gemeindeverwaltungsgebäude (ohne Zaun!) und versuchten erstmal zu schlafen.

Die Bilanz des nächsten Morgens: Ein kaputter Mantel, zwei geplatzte Schläuche, eine Delle in der Felge (Alex machte die Bordsteinkante eines Penny-Markt-Parkplatzes dafür verantwortlich), ein defektes Lenkerhörnchen, Alex´ Knie schmerzt, immer noch Regen und es ist Sonntag(!). Wir wissen bis heute nicht wie der Ort eigentlich heißt. Aber er hatte einen Bahnhof und da wir in der letzten Nacht wirklich noch 50km gefahren waren, mussten wir nur 15 Minuten Zug fahren bis wir in Bergamo waren.

Wir haben uns dann in der Jugendherberge einquartiert, Wäsche gewaschen, Alex´ Fahrrad reparieren lassen und auf besseres Wetter gewartet. Das kam dann auch. Nach zwei Ruhetagen, die wir mit Lesen, Bier trinken und Klönen verbracht hatten, starteten wir mit neuen Hoffnungen in Richtung Adria.

Jetzt war es endlich warm, die Sonne stand am blauen Himmel. Die Po-Ebene ist zumeist topfeben, und ein steter leichter Rückenwind ließ uns schnell voran kommen. Meistens auf Nebenstraßen radelnd kamen wir durch viele hübsche kleine Dörfer und fuhren durch Felder mit Mais, Sonnenblumen und Melonen. In Mantova kosteten wir die besten Honigmelonen und Pfirsiche die ich je gegessen habe. Der Po selbst ist wahrlich keine Augenweide, bescherrte uns aber ein paar sehr ruhige Deichstraßen.

Am zweiten Tag und nach 210km in der Po-Ebene war die gemeinsame Radtour dann vorbei. Alex´ Knie sagte eindeutig: Hör auf! Von Sedime brachte uns der Zug nach Ferrara, von wo wir am nächsten Tag, ebenfalls per Bahn, nach Rimini fuhren. Es folgten zwei ziemlich langweilige Ruhetage. Der Tourismus war eher auf Party ala Ballermann ausgelegt, glauben wir jedenfalls. Das Meer war eine Riesenenttäuschung.

Am Mittag des 17. August trennten wir uns. Alex nahm den Nachtzug nach München und war am nächsten Abend zu Hause. Ich konzentrierte mich auf unser eigentliches Ziel: Rom. Es war dennoch ein komisches Gefühl. Auf einmal war ich alleine unterwegs. Zugegeben, die zurückliegenden zwei Wochen waren nicht immer das Gelbe vom Ei gewesen. Ich denke es lag daran, dass ich es bisher gewohnt war immer alleine unterwegs zu sein. Oft hatte ich nicht genug Geduld gehabt, wenn es hieß auf Alex zu warten oder Rücksicht zu nehmen. Dazu kamen Alex´ Knieprobleme, die natürlich auf die Stimmung drückten.

Andererseits wäre ich viel lieber nicht alleine weiter gefahren. Es gibt nämlich Momente, die kann man alleine einfach nicht erleben. Windschattenfahren und risikoloses Einkaufen ist ein kleiner Teil davon. Ich meine aber eigentlich jene Augenblicke, in denen man nicht viel sagen muss, die man einfach gemeinsam genießen kann. Mir fallen dazu spontan zwei Augenblicke ein. Das Erreichen der Passhöhe des Splügenpasses und unser Ruhetag in Bergamo. Biertrinken macht alleine einfach keinen Spass. Vielleicht ist der letzte Satz sogar die beste Beschreibung für das was ich meine. Einen weiteren dieser Augenblicke erlebte ich vier Tage später in Rom. Nach Bezug meiner Herberge, Dusche und Abendessen ging ich zum Collosseum um wirklich festzustellen, dass ich angekommen war. Da blieb ich dann einige Zeit sitzen. Aber leider war ich alleine, ohne jemanden mit dem ich die großartige Athmosphäre dort hätte teilen können.

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Teningen - Splügenpass

Teningen – 82km – Bad Bellingen – 108km – Kaiserstuhl / CH – 84km – Kreuzlingen – 90km – Schaan – 90km - Andeer

Gestärkt durch das vermeintlich vorerst letzte ausgiebige Frühstück stiegen wir am Morgen des 4. August endlich in die Pedale. Schon auf dem Weg nach Freiburg verfuhren wir uns das erste mal (ich hatte die Karte..). Bis zum frühen Nachmittag hatten wir schönes Radlwetter. Durch das flache Rheintal ging es zum Rhein. Dort sind wir weitesgehend einem ufernahen Wirtschaftsweg flussaufwärts gefolgt.

Der aufkommende Regen verschlechterte die Fahrbahnbeschaffenheit des sandigen Weges und ließ uns nicht gerade schnell vorankommen. Nach, gefühlsmäßig, viel zu wenigen Kilometern schlugen wir unser erstes Lager direkt am Rhein auf, so dass wir uns sowie unsere Räder waschen konnten.

Die meisten Tage in der Schweiz hatten wir kühles, regnerisches Wetter. Von den Unwettern, die zu der Zeit in Bayern und Österreich wüteten, bekamen wir aber nichts ab. Die Strecke am Rhein entlang verläuft meistens recht flach. Die schönen Alpenpanoramen konnten wir mangels Sicht leider nur erahnen.

Der nächste Tag brachte recht viel Sonnenschein. Nach einem kleinen Abstecher nach Frankreich erreichten wir Basel und somit die ausgeschilderten Veloland-Radwegen, denen wir bis nach Italien folgten. Die Rheinroute Nr.2 folgt dem Rhein, immer auf der Schweizer Seite, bis nach Andermatt. Bis auf ein paar Abkürzungen, beispielsweise von Kaiserstuhl nach Schaffhausen (-25km!), sind wir diesen Weg bis Chur gefahren, wo wir auf den Radweg Nr.6 abbogen, der uns bis nach Splügen brachte.

Die erste Nacht in der Schweiz verbrachten wir auf einer Wiese neben einem Sonnenblumenfeld. Der Bauer verstand uns so wenig wie wir ihn, aber seine Tochter konnte übersetzen: Deutsch – Schweizerdeutsch. Zu dem Geräusch von Regen aufzuwachen ist nicht sehr motivierend. Da hilft erstmal nur ein gutes Frühstück und eine Tasse Kaffee. Beides fanden wir in einem Café im ersten deutschen Dorf das wir fanden. Eigentlich hatte nur die Konditorei geöffnet und das Café Betriebsferien. Doch wir sahen wohl sehr mitleidserregend aus in unseren Regensachen, so dass wir als einzige Gäste im Café bedient wurden.

Richtung Bodensee wurden die Radfahrer immer zahlreicher, selbst bei dem miesen Wetter das wir hatten. Aufgrund des Regens und Alex´ beginnenden körperlichen Beschwerden verbrachten wir zwei Nächte in den tollen Schweizer Jugis. Das dort gebotene Frühstück sollte ein Vorbild für alle Jugendherbergen der Welt sein. Nur ganz billig ist das ganze leider nicht.

Die letzte Nacht vor der Alpenhauptkammüberquerung lagerten wir auf dem Gelände einer Steinbruchfirma bei Andeer. Auf über 900 Meter über NN waren wir da schon gekommen. Ich war zwar letztes Jahr schon einmal auf den Brocken gefahren, allerdings ganz ohne Gepäck. So war der Verlauf des nächsten Tages eine große Unbekannte.

Murphys Gesetz gilt auch auf dem Berg: Der Weg ist immer länger als man von unten denkt. Die nächste Kehre enthüllt meistens weitere. Und nach der Schweizer Zollstation geht es mindestens noch zwei weitere Kilometer bergauf. (Na gut, Murphy ist das wohl nicht ganz)

Je näher wir der Sonne kamen, desto wärmer wurde es leider nicht. 16km und 500hm bis Splügen. 9km und 700hm bis zur Passhöhe des Splügenpasses. Etwas vergleichbar anstrengendes hatte ich bis dato nur beim Bund erlebt. Mit 30kg auf dem Rücken im Eiltempo durch die Märkische Heide. Der Unterschied dazu war, dass wir uns nicht einmal fragen konnten was das ganze für einen Sinn hätte. Es zählt nur, dass man immer weiterfährt, egal wie langsam. Hauptsache ankommen. Irgendwie.

Erstaunlich ist es, wie viele Radfahrer man auf der Passhöhe trifft. Mehr als uns während des Aufstiegs entgegenkamen. Oben haben wir erstmal trockene Klamotten und alles, was wir an Wind- und Kälteschutz mithatten, angezogen, bevor es auf die lange Abfahrt ging. Bis Chiavenna waren es 30km auf denen es nur bergab ging. Eine dreiviertel Stunde mussten wir fast gar nicht pedalieren. Viele Serpentinen ließen nur eine Höchstgeschwindigkeit von 60,4 km/h zu, und das während einer Dorfdurchfahrt. Es war Donnerstag, und somit die Straße nicht allzu befahren. So konnten wir die teilweise grandiosen Aussichten genießen und erhielten eine angemessene Entschädigung für die vorherigen Qualen.

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